Haare...

Über kurz oder lang

Bei ihrem letzten Frisörbesuch stellte Mademoiselle Lili fest, dass sie – was ihre Haare angeht - konservativ geworden ist. Und kräuselte ihre Gedanken über ein großes Thema:  Haare und Religion.

Wie immer, sagte ich kürzlich zu meiner Frisörin. Und fühlte mich plötzlich ganz schön langweilig. Seit zehn Jahren trage ich dieselbe Frisur, halblang, dieselbe Haarfarbe, hellblond-Schoko-Gold. Die einzige Veränderung, die ich mir in der ganzen Zeit genehmigte, war ein Pony. Habe ich also meinen Stil gefunden – oder bin ich einfach nur alt und konservativ geworden? Was habe ich früher mit Längen, Schnitten und vor allem Farben experimentiert! Vor genau zwölf Jahren, im Monat Mai, wagte ich die extremste Form von Frisur, die man als Frau tragen kann: Keine. Ich ließ mir meine damals extrem langen Haare auf zwei Millimeter kurz scheren. Ein Dokumentarfilm über ein buddhistisches Ashram in Indien brachte mich auf die Idee. Die Schüler, die dort einkehrten, ließen als erste Opfergabe ihre Haare. Als Zeichen des Neuanfangs, der Reinigung, des Loslassens des alten Lebens. Genau das wollte ich damals auch. Noch heute kann ich mich gut an das fast religiöse Gefühl erinnern, meinen Kopf über die Badewanne zu neigen und meinen Freund, der gerade dabei war, seine Haare zu scheren, zu bitten, dasselbe auch bei mir zu tun. Das Gefühl der Leichtigkeit danach. Als hätte ich mich binnen fünf Minuten von allem alten Ballast befreit. Tatsächlich, das glaube ich noch heute, begann damit eine äußere und innere Veränderung, die mich in meinem Leben weiterbrachte. 

Haaren kommt in vielen Religionen eine große Bedeutung zu, versinnbildlichen sie von jeher entweder Lebenskraft, Gottesnähe oder weibliche Erotik, die es zu verstecken gilt. Der orthodoxe Islam zwingt die Frau daher unter den Schleier, das orthodoxe Judentum wahlweise unters Tuch oder die Perücke, das orthodoxe Christentum seine Ordensschwestern unter die Haube.  Im frühen Christentum wurden Täuflingen noch die Haare rasiert und auf den Altar gelegt – als Zeichen der Weihe an den Gottessohn. Der Tanach und das alte Testament erzählen die Geschichte von Samson, der seine göttliche Kraft erst verlor, als Dalila ihm im Schlaf heimlich die Haare abschneiden ließ. Die Sikhs hingegen schneiden sich ihre Haare nie, da sie für sie die Verbindung zu Gott darstellen.  In allen großen Religionen und deren Schriften sind Haare ein wichtiges Thema.  

Wissenschaftlich gesehen nichts weiter als Hornfäden aus Keratin und biologische Merkmale von Säugetieren, wird vor allem dem weiblichen Kopfhaar auch in Mythen und Märchen eine unheilvolle Verführungskraft unterstellt: Rapunzel, die den Prinzen an ihrem Zopf in ihr Turmzimmer klettern lässt und der von der eifersüchtigen Zauberin später dafür mit Blindheit gestraft wird oder die Loreley, die singend ihre Haare kämmt und damit die Schiffer des Rheins in den Tod lockt.  

Lange, volle Haare sind von je her in allen Kulturen das Symbol für weibliche Sexualität, deren Verherrlichung und deren Unterdrückung zugleich. Erst in den 20er Jahren begannen Frauen von ganz allein und nicht als Zeichen einer Strafe, das Haar selbstbewusst kurz zu tragen. Oder einfach so, wie sie es wollten. Als Ausdruck ihrer Individualität und Identität. Als Feier ihrer Schönheit. Viele gesellschaftliche und persönliche Transformationen begannen auf dem Frisörstuhl. Ich glaube, meine nächste Lebensetappe werde ich symbolisch auch dort einleiten: Wenn ich bereit bin, mein Haar nicht mehr zu färben, sondern natürlich grau zu tragen. Doch bis dahin sage ich: Wie immer.               

Ich realisierte, dass Haare für Frauen ein grosses Thema sind und auch ein Stück ihrer Persönlichkeit, ihrer Weiblichkeit ausmachen und dass eine Perücke, egal wie gut sie gemacht ist, kein Ersatz sein kann. Heute, wo ich mich beruflich mit dem Thema Schönheit befasse, weiß ich, dass in allen drei Religionen entsprechende Hinweise zu finden sind, sei es in der Bibel, in der Thora, dem Talmud oder im Koran. Diese Regeln gab es im Altertum, also bei den alten Ägyptern, den Griechen oder Römern noch nicht. Und auch bei anderen Religionen, wie dem Buddhismus oder Hinduismus, kommen sie nicht vor. Beim Christentum, Judentum und dem Islam scheinen jedoch weibliche Haare ein Teil von sexueller Symbolik zu sein, die es unbedingt zu verstecken gilt. Dies in erster Linie vor fremden Männern, die dadurch ja auf unreine Gedanken kommen könnten. Und tatsächlich: Frauen und ihre langen, offenen Haare waren stets auch ein wichtiger Teil in Mythen und Märchen.