Patisserien und Chocolatiers

Die Schokoladenseiten der Stadt

In Paris lauert die Verführung an jeder Ecke – in Form von Patisserien und Chocolatiers. Mademoiselle Lili taucht ein ins süße Leben und fragt sich, wo all die schönen Kalorienbomben eigentlich landen.

Neulich brachte mich der Zufall das erste Mal zu Angelina (226, rue de Rivoli). Mein Morgentermin verspätete sich, und als ich aus der Metro-Station „Tuileries“ in die eisige Kälte trat und zum ersten Mal keine Schlange vor dem berühmtesten Teesalon der Stadt erblickte, sagte ich mir: Jetzt oder nie! Es gibt ja Menschen, die kommen extra aus L.A. oder Tokio nach Paris, um die angeblich beste heiße Schokolade der Welt zu trinken und dafür zwei Stunden auf einen Tisch warten. An diesem Wintermorgen erwärmte die fast schon mythische L’Africain auch mein Herz. Sie ist so unverschämt dickflüssig, so verschwenderisch cremig und duftet so verführerisch, dass man einfach voller Wonne die Augen schließt und die Welt ringsum vergisst. Selbst die grätendünne Coco Chanel soll sich hier bereits dem Schokorausch hingegeben haben.


Es gehört für mich noch immer zu den großen Rätseln vonParis, wie diese vielen süßen Schlemmertempel, die unsere Augen und Sinne unterhochkalorisches Dauerfeuer stellen, eigentlich überleben in einer Stadt, wo dieMenschen so viel ranker und schlanker sind als anderswo und wo die ModedesignerKreationen ersinnen, die jenseits von Size Zero kaum tragbar sind. Funktioniertder Stoffwechsel in Paris anders? Wer kauft eigentlich diese unzähligen,grazilen Petit-Fours und Macarons, diese Eclairs und Truffes, diese teuflischenTörtchen und himmlischen Sahneröllchen bei Ladurée oder Pierre Hermé, bei Fauchonoder Lenôtre? Und warum sieht man so wenig Speckröllchen vor den Schaufensternund an den Verkaufstheken?

Schokolade zum Frühstück. Für Patrick Roger (108, Boulevard Saint-Germain) ganz normal. Der Chocolatier ist der Künstler unter ihnen – seine Boutiquen gleichen Schmuckgalerien, seine Truffes Kunstwerken, er macht sogar mannshohe Skulpturen aus Schokolade, die im Musée Rodin oder bei Christie’s gezeigt werden. Der Maître Chocolatier verteilt das Hüftgold schon am Morgen wie die heilige Kommunion. „Erst kosten, dann sprechen“, sagt er. Also: Augen zu, Mund auf. Es zerschmelzen zarte Praliné-Carrées mit knuspriger Noisette-Füllung oder fruchtig-scharf gepfefferter Minze und Zitronengras auf der Zunge, beides tanzt auf den Geschmacksnerven, das eine wie ein dramatischer Tango, das andere wie ein flirrender Salsa. Patrick Roger ist ein Verführer und keiner, der dabei Gewissensbisse kennt. „Vergessen Sie Schuldgefühle. Ich esse 500 bis 600 Gramm am Tag“, sagt er, und er sieht nicht so aus, als müsste er sich dafür in Shapewear-Schlüpfer zwängen wie Bridget Jones. Wie er das macht, bleibt sein Berufsgeheimnis.

In der Bäckerei Du Pain et des Idées (34, rueYves Toudic) von Christophe Vasseur kommen die Pariser Frühstücksklassiker imGourmet-Upgrade daher. Für die mit Maronencreme, Pistazien oder Schokoladegefüllten Schnecken, die escargots,stehen die Kunden ganz früh morgens Schlange. Yann Couvreur (137, AvenueParmentier) war früher Chef-Patissier im Luxushotel Eden Roc auf St. Barth.Seit letztem Jahr beglückt er den Morgen der Bobos von Paris mit Kaffee und roulés aus Blätterteig, von den zumNiederknien schönen und feinen Patisserie-Kunstwerken mal ganz abgesehen. Essind ziemlich genau diese Adressen, um die ich die meiste Zeit des Jahres bessereinen großen Bogen mache. Nur jetzt im Winter gönne ich mir ab und zu eineExtraportion Dolce Vita. Mein Stoffwechsel funktioniert nämlich leider nochnicht à la parisienne.